Wenn die Plagegeister im Koffer mitfliegen

18.04.2024, 16:00

Wussten Sie, dass das gefährlichste Tier für den Menschen winzig klein ist? Es handelt sich um die Aedes-Mücke, welche das Dengue-, Gelbfieber-Virus oder andere Krankheitserreger übertragen kann. Mit vermehrter Mobilität und dem Klimawandel rücken tropische, von Insekten übertragene Erkrankungen, auch bei uns immer näher.

Zugegeben, das Ganze hat mich erst so richtig beschäftigt, als meine Tochter eine Studienreise nach Costa Rica machte und wir uns zu den notwendigen Impfungen und zu möglichen Infektionsgefahren informierten. Klar, in den Tropen rechnet man normalerweise mit gefährlichen Erkrankungen, je exotischer ein Ziel, desto mehr Gefahren sieht man. Doch stimmt diese „Milchmädchenrechnung“ noch? Tropen gefährlich, Europa sicher? Nein, zumindest was bestimmte, von Insekten übertragene Erkrankungen betrifft, sind wir hier längst nicht mehr auf einer (Halb-)Insel der Seligen…

Nicht ohne Grund hat Italien vor ein paar Wochen verordnet, dass im unmittelbaren Einzugsgebiet der Flughäfen und Häfen auf nationalem Territorium strenge Vorkehrungen zur Bekämpfung der Mücken getroffen werden müssen. Dies war die Konsequenz eines vermehrten Auftretens von Fällen des oben genannten Dengue-Fiebers. Normalerweise ist die Überträger- Mücke (Aedes) in Gebieten wie Südamerika oder Südostasien heimisch, aber die steigende Mobilität der Reisenden und der Warenhandel ermöglichen es einigen besonders fitten Plagegeistern, als blinde Passagiere nach Italien zu kommen – wo sie leider durch den Klimawandel und den damit zusammenhängenden immer wärmeren Temperaturen sehr angenehme Lebensbedingungen vorfinden. Das kann auch Christiane Holzner, Fachärztin im betrieblichen Dienst für Hygiene, bestätigen: „Im Jahr 2023 wurden sechs importierte Dengue-Fälle in Südtirol gemeldet und 2024 sind es bereits zwei. Obwohl das Virus in vielen subtropischen und tropischen Ländern endemisch ist, insbesondere während und nach der Regenzeit, ist es auch auf nationaler Ebene eine ständige Bedrohung. Letztes Jahr, 2023, war Italien vor Frankreich und Spanien das europäische Land mit den meisten Fällen.“

Da das Bedürfnis nach aktuellen Infos auch für das ärztliche Personal, das meist den Erstkontakt zum Patienten hat, sehr hoch ist, hat eine multidisziplinäre Arbeitsgruppe des obengenannten Dienstes die Infos zu den wichtigsten insektenübertragenen Erkrankungen mit allen notwendigen Informationen in beiden Landessprachen auf der Intranet-Seite des Sanitätsbetriebes abgelegt.

Denn es geht bei Weitem nicht „nur“ um das Dengue-Fieber: Immer mehr insektenübertragene Erkrankungen tauchen auch in Italien – und in anderen europäischen Ländern – auf. Im Jahr 2023 wurden in Südtirol auch zwei Fälle von West-Nile- Fieber bestätigt. Zika und Usutu- Erkrankungen sind derzeit noch nicht bei uns diagnostiziert worden, allerdings gibt es einen Fall einer Toskana-Virus-Infektion, die durch Sandmücken (Phlebotomus) übertragen wird. Diese Insekten, die auch für die Leishmaniose verantwortlich sind, wurden erstmals im Jahr 2008 bei uns ins Südtirol beschrieben. Ein humaner Leishmaniose- Fall ereignete sich in Südtirol im Jahr 2014.

Christiane Holzner weist außerdem darauf hin, dass viele der genannten Krankheiten aus verschiedenen Gründen nicht gemeldet werden, so dass die tatsächliche Prävalenz unterschätzt wird. „Manches ist einfach noch zu wenig bekannt, so zum Beispiel das Chikungunya- Fieber – der Name stammt aus der Makonde-Sprache aus Mosambik und Tansania, wo die erste Epidemie in den 50er Jahren beschrieben wurde. Es bedeutet ‚das, was sich biegt‘ oder ‚sich verdreht‘, aufgrund der Gelenkseinschränkungen, verursacht durch die schweren Arthralgien, die für die Krankheit charakteristisch sind. Die Differentialdiagnose sollte den Verdacht auf Dengue-Fieber beinhalten, von dem es symptomatisch schwer zu unterscheiden ist.“

Etwas beruhigend ist die Tatsache, dass viele dieser Erkrankungen bei gesunden Menschen meist nur grippeähnliche Symptome verursachen. Trotzdem gilt es, Vorsicht walten zu lassen, denn manche Infektionen können, wenn auch selten, einen ernsten Verlauf nehmen. So z.B. kann eine Infektion mit dem Zika-Virus bei schwangeren Frauen zu sehr schweren Fällen von Mikrozephalie und fetalen Missbildungen beim ungeborenen Kind führen.

Wenn wir nun in die Zukunft sehen, müssen wir damit rechnen, dass wir von insektenübertragenen Erkrankungen bedroht werden? Gefühlt gibt es immer mehr Mücken, aber wie kann man unterscheiden, ob deren Stiche „nur“ jucken und nach ein paar Tagen und großem Ärger wieder verschwinden oder eine Infektionskrankheit übertragen? Für Fachärztin Holzner ist die Sachlage klar: „Virusinfektionen, die durch das Chikungunya-, Dengue-, Gelbfieber- und Zika-Virus verursacht werden, treten in Europa sporadisch auf. Da sie in unserem Land nicht häufig vorkommen, in der Regel importiert sind und mit unspezifischen Symptomen auftreten können, besteht die Gefahr, dass die Diagnose übersehen oder verzögert wird.“

Sabine Flarer

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