Schwerpunkt Schlucken
Ein „Kleeblatt“, bestehend aus Koordinatorin Eva Oberhofer und den Logopädinnen Sarah Pircher, Sabina Pistore und Anna Steiner, kümmert sich im Krankenhaus Meran um stationär aufgenommene Patientinnen und Patienten, die logopädische Betreuung benötigen. Im Gespräch erzählen die vier Frauen, worin ihre tägliche Arbeit besteht und welches die Unterschiede zur Logopädie im ambulanten Bereich oder im Kindesalter sind.
Logopädie kennt man landläufig hauptsächlich bei Kindern, die beispielsweise stottern oder bei denen die Sprachentwicklung verzögert ist. Worin liegt der Unterschied zur Logopädie bei Erwachsenen, noch dazu bei jenen, die stationär aufgenommen sind?
Wir gehen täglich auf die Abteilungen und behandeln dort hauptsächlich Menschen mit Schluck-, aber auch Sprach- und Sprechstörungen. Diese können durch einen Schlaganfall, durch Schädel- Hirn-Traumen, durch Tumore oder neurodegenerative Erkrankungen wie Multiple Sklerose, aber auch durch Demenz, nicht mehr in der Lage sein, zu schlucken oder zu sprechen. Der große Unterschied zur Logopädie bei Kindern ist, dass sich die Kinder in den meisten Fällen in Entwicklung befinden und zusätzlich zur Therapie von ihrem Umfeld viel profitieren. Bei Erwachsenen, die sich in einer Krankenhausabteilung wiederfinden, findet ein plötzlicher Verlust der eigenen Selbstständigkeit oder bestimmter Fertigkeiten statt, welche ohne Unterstützung nur schwer wiedererlangt werden können. Buchstäblich über Nacht ändert sich das eigene Leben – das kann psychisch sehr belastend sein.
Sie sagen, dass Sie auch auf der Intensivstation tätig sind bei Menschen mit einer Trachealkanüle – wie sieht dort ihre Arbeit aus?
Man kann bereits wenige Tage nach dem Einsetzen der Kanüle beginnen, den Patienten zu stimulieren, indem ein Sprechventil angepasst wird. Wenn ein Patient eine Kanüle hat, kann er aufgrund der anatomischen Voraussetzungen nicht mehr sprechen, husten, riechen oder schmecken. Mit dem Sprechventil ermöglichen wir dem Patienten, diese Tätigkeiten schneller wiederzuerlangen. Es ist nämlich eine enorme Steigerung der Lebensqualität, wenn der Patient seine Bedürfnisse plötzlich wieder dem Umfeld mitteilen kann. Speziell in diesem Bereich ist eine frühe Beurteilung sehr wichtig, aber das gilt bei allen Krankheitsbildern, bei denen wir tätig sind. Auch bei Patienten im palliativen Setting können wir oft wertvolle Tipps für den Alltag in Bezug auf die Nahrungsaufnahme und die Mundpflege geben. Leider herrscht hier oft die Meinung vor, dass man bei diesen Patienten „eh nichts machen kann“.
Wie läuft die logopädische Behandlung bei Schlaganfallpatienten ab?
Man sagt, dass rund die Hälfte aller Schlaganfallpatienten zu Beginn große Schwierigkeiten beim Schlucken haben, deshalb ist es wichtig, so schnell wie möglich eine Beurteilung zu machen, um Komplikationen zu vermeiden. Auch das Sprechen oder die Sprache sehen wir uns gleich zu Beginn an, um dem Patienten oder der Patientin zu ermöglichen, seine/ihre Grundbedürfnisse zu äußern. Dazu behelfen wir uns verschiedener Techniken oder Materialien, wie Piktogramme, geschlossene Fragen oder Gestik. In der täglichen Therapie versucht man meist, an die Vergangenheit und die Lebensbereiche des Patienten anzuknüpfen – wenn einer beispielsweise ein Handwerk ausgeübt hat, versuchen wir die Kommunikation darüber zu aktivieren. Erfahrungsgemäß klappt die Kommunikation dann oft besser. Bei solchen Erkrankungen ist die Einbeziehung der Angehörigen die Basis für eine spätere Teilhabe und Wiedereingliederung des Patienten in seinen Alltag. Natürlich gehören tägliche Sprach- oder Sprechübungen auch dazu.
Wie oft besuchen Sie Ihre Patientinnen und Patienten auf den Abteilungen?
Im Normalfall sind wir jeden Tag bei der zugewiesenen Patientin bzw. beim Patienten, oftmals, wenn es notwendig ist, auch zweimal. Dadurch, dass wir in der Therapie lange Zeit bei den stationär aufgenommenen Patienten verbringen, entwickelt sich schnell ein Vertrauensverhältnis – und wir werden oft zur ersten Anlaufstelle für alle möglichen Fragen und Sorgen. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen zu leiten – wir möchten, dass er oder sie sich wieder im alltäglichen Leben so gut wie möglich zurechtfindet. Und es ist uns ein Herzensanliegen zu sagen: Nur weil jemand mit einer Sprachstörung sich momentan nicht äußern kann oder länger braucht, um etwas zu verstehen, ist er trotzdem eine erwachsene, mündige Person und sollte auch so behandelt werden! Wir sehen oft, dass Menschen mit solchen Schwierigkeiten die Fähigkeit, Entscheidungen im Alltag zu treffen, aberkannt wird. Wenn wir dem Patienten und den Angehörigen erklären „Wir wissen, dass Sie alles noch im Kopf haben, aber momentan schaffen Sie es noch nicht, uns alles zu sagen“, dann sieht man die Dankbarkeit, dass endlich jemand da ist, der das versteht.
Zu Ihren Aufgaben gehört es auch, Menschen zu helfen, Nahrung korrekt zu schlucken.
Ja, wir versuchen durch Konsistenzanpassung oder Haltungsänderungen eine sichere Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme zu gewährleisten. Dazu stehen wir auch in engem Kontakt mit dem Dienst für Diät und Ernährung. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen ist besonders wichtig, wenn sich die Frage stellt, ob ein Patient künstlich durch eine PEGSonde ernährt werden soll oder nicht. Diese Entscheidungen müssen im Team mit den Angehörigen und den Patienten mit Bedacht getroffen werden, da dieser Schritt für den Patienten oft auch eine große Einschränkung bedeuten kann. Für viele Patienten ist die ausreichende Kalorienzufuhr zwar lebensnotwendig, aber es stellt eine enorme psychische Belastung dar, Nahrung ausschließlich über die Sonde zu bekommen. Man muss bedenken, dass fast alle Sozialkontakte über Essen oder Trinken funktionieren – man geht einen Kaffee trinken, verabredet sich zum Pizzaessen und so weiter. Wenn all diese Möglichkeiten wegfallen, kann dies sehr belastend sein. Aber es gibt auch Patienten, die damit besser umgehen können: Wir hatten einen Patienten, der in seinem Dorfcafè eine Abmachung getroffen hatte, ein Stück Kuchen und einen Kaffee gemixt zu erhalten, diese flüssige Mischung nahm er dann über die Sonde zu sich. Die Sicht des Patienten auf die eigene Einschränkung ist entscheidend.
Wie reagieren die Patientinnen und Patienten, wenn Sie auf die Abteilung kommen?
Die Patienten freuen sich meist uns zu sehen, vor allem, wenn sie merken, dass die Therapie ihnen hilft. Da man mit dem Patienten grundsätzlich mehr Zeit verbringt als viele andere Berufsgruppen, entsteht oft eine Verbindung zwischen Therapeuten und Patient. Es kann sehr berührend für die Patientinnen und Patienten und uns sein, wenn sie oder er plötzlich wieder sprechen oder schlucken kann. Manche Menschen stört ihre Einschränkung weniger, besonders ältere Menschen, die Schwierigkeiten mit der Stimme oder dem Sprechen haben, sagen oft „I hon nia viel gredet, des passt so“. Da braucht es unsere Therapie nicht immer in so intensivem Ausmaß, denn wichtig ist, dass der Mensch in seinem Leben gut zurechtkommt.
Sabine Flarer