Landesweites Netzwerk für Essstörungen
Das Netzwerk für Essstörungen hat mit Primar Roger Pycha vom Psychiatrischen Dienst Brixen seit kurzem einen neuen Leiter, der nun auch neue staatliche Auflagen verwirklichen muss. Anlass zu letzterem waren mehrere Todesfälle in Italien aufgrund schwerer Magersucht. Auch in Südtirol gab es Opfer.
2018 hat das Gesundheitsministerium verfügt, dass Patientinnen und Patienten mit Essstörungen in den Notaufnahmen besonders aufmerksam untersucht und bei Gefährdung im Krankenhaus aufgenommen werden sollen. Das Ministerium hat genau angegeben, wann das der Fall ist. Ein wichtiges Maß für ein gesundes Gewicht stellt der Body- Mass-Index dar. Ein Body-Mass-Index (BMI) von weniger als 17,5 gilt als wesentliches Zeichen einer Magersucht oder Anorexie, ein BMI von mehr als 25 gilt als Übergewicht. Patientinnen mit der Diagnose Magersucht und einem BMI von weniger als 12, mit einer Körpertemperatur von weniger als 35 Grad, mit einem Ruhepuls von weniger als 40 oder mehr als 120 Schlägen pro Minute, mit Kalium von weniger als 3 mmol/l oder einem Blutzucker von weniger als 45 mg/dl sollen in Zukunft in einem Krankenhaus weiter behandelt werden, je nach Gefährdung entweder auf der Intensivstation mit künstlicher Ernährung, auf der Inneren Medizin – eventuell auch mit Sondenernährung. Oder – wenn keine Lebensgefahr mehr besteht – auf der Psychiatrie für das viele Monate dauernde Ringen um langsame, psychologisch intensiv begleitete Gewichtszunahme.
Betroffene, die bereits etwas stabiler sind, können auch im hochspezialisierten Zentrum Villa Eea in Bozen oder in Bad Bachgart weiter rehabilitiert werden. In der Villa Eea können Betroffene in einer eigenen Wohngemeinschaft auch über viele Monate oder sogar Jahre leben, um im richtigen Augenblick den Schritt hinaus in das Tageszentrum derselben Einrichtung zu unternehmen. Aufnahmen in Bad Bachgart dauern in der Regel zwei bis drei Monate. Die Pädiatrie in Brixen nimmt Kinder und Jugendliche mit schweren Essstörungen auf, auch die Kinderpsychiatrie in Meran versorgt junge Patientinnen und Patienten, wenn sie zusätzliche psychische Leiden aufweisen.
Die Basis des Netzwerkes für Essstörungen bilden vier ambulante Teams in den Bezirken Bozen, Meran, Brixen und Bruneck. In diesen Teams arbeiten viele Berufsbilder zusammen, um Betroffene und ihre Familien gut zu begleiten und zu betreuen. Im Wesentlichen sind das Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, Ernährungstherapeutinnen und -therapeuten sowie Krankenpflegerinnen und -pfleger. Ihre Aufgabe ist auch, mit den Ärztinnen und Ärzten der Basismedizin eine enge Zusammenarbeit aufzubauen. Die Behandlung findet dann außerhalb von Einrichtungen statt. Den Betroffenen gelingt es so leichter, einen normalen Lebensrhythmus aufrecht zu erhalten. Zum Vizekoordinator des Netzwerks wurde Michael Zöbl ernannt, Primar der Kinderabteilung im Krankenhaus Brixen.
Zöbl führt seit Jahren eine Fall-Statistik. Im Jahr 2023 wurden in Südtirol 571 Patientinnen und Patienten (93 Prozent weiblich, 7 Prozent männlich) aufgrund ausgeprägter Essstörungen behandelt, das sind um 7 Prozent weniger als im vorangegangenen Jahr. Neuerkrankungen sind sogar um 9 Prozent zurückgegangen. Die während der Coronakrise massive Zunahme von Betroffenen um fast 40 Prozent scheint beendet zu sein. Von allen im Jahr 2023 Behandelten waren 71 Prozent volljährig, 11 Prozent von ihnen mussten stationär aufgenommen werden. Die behandelten Minderjährigen mussten in 18 Prozent der Fälle im Krankenhaus oder in Fachzentren bleiben. In Meran besteht seit drei Jahren ein sehr aktives lokales Netzwerk unter der Ärztin Margit Coenen. In Bozen wurde das lokale Netzwerk unter der Koordination der Ernährungsmedizinerin Laura Valzolgher und der Psychologin Elena Giovannini am 30. Januar 2025 gegründet. Und im ganzen Land kümmert sich Raffaela Vanzetta mit ihren Mitarbeiterinnen von der INFES um Aufklärungsarbeit und Ausbildung der Fachleute: Denn nur eine gut informierte Gesellschaft kann gezielt helfen.
Roger Pycha