Internet und Antibiotika: zwei Themen, die untern den Nägeln brennen
Die Reihe „Forum Gesundheit Südtirol“ hat sich im Herbst gleich zwei aktuellen Themen gewidmet: Anfang Oktober fand in Meran der Vortrag „Internetkonsum bei Kindern – was und wie viel ist richtig?“ statt, Ende November folgte in Bozen „Antibiotika richtig gebrauchen – warum ist das so wichtig?“.
Der vollbesetzte Saal im „Pavillon des Fleurs“ sprach für sich: Das Thema brennt vielen Eltern und Erziehern unter den Nägeln. Die beiden Fachfrauen, Primarin Donatella Arcangeli des landesweiten Dienstes für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Fachärztin Benedetta Berlese, erklärten anschaulich, warum ein zu früher beziehungsweise zu intensiver Konsum von elektronischen Medien nicht zu empfehlen ist.
Wussten Sie, dass das menschliche Gehirn erst mit rund 25 Jahren komplett ausgereift ist?
Gerade emotionale Einschätzungen, die rational hinterfragt werden müssen, fallen Kindern und Jugendlichen noch schwer. Die berühmte Achterbahn der Gefühle, das impulsgesteuerte Verhalten von zickigen Teenagern ist charakteristisch für die Entwicklung und neurobiologisch erklärbar. Wenn der Sohn oder die Tochter schnell gelangweilt sind, so ist das ebenfalls auf diese Phase der Entwicklung zurückzuführen.
In dieser sensiblen Zeit der körperlichen und geistigen Reife kommen Videospiele oder stundenlanges Internet-Surfen den jungen Menschen wie gelegen:
Die Langeweile verfliegt und Dopamin wird ausgeschüttet, sobald es neue, „belohnende“ Inhalte gibt, die überall und jederzeit verfügbar sind – und man muss dafür nicht mal aus dem Haus. Gerade das, darauf wiesen beide Fachärztinnen hin, sei der erste Schritt in Richtung Sucht: „Wir reden hier von 1–2 Jugendlichen auf 10, die ihre sozialen Kontakte vernachlässigen und eine echte Sucht entwickeln.“
Aber sollte man nun den eigenen Kindern komplett das geliebte Handy verbieten?
Die Expertinnen verneinen das, rufen aber dazu auf, ein vernünftiges Verhalten vorzuleben und auch einzufordern. „Wir raten zu konkreten Vereinbarungen, wie lange und wofür die eigenen Kinder ins Netz dürfen“, so Benedetta Berlese. Selbstredend, dass über Konsequenzen bei einem Nicht-Einhalten gesprochen werden muss. Kinder unter 14 Jahren sollten so wenig wie möglich im Netz sein, in Italien sei derzeit sogar eine Petition dafür geplant.
In Spanien, so Primarin Donatella Arcangeli, wird gar empfohlen, dass Kinder unter 12 Jahren keinen Zugang zu einem Smartphone haben, auch „WhatsApp“ wird erst ab 16 nahegelegt:
„Wenn wir Kinder ein Auto fahren lassen und sie verursachen damit einen Unfall, dann können wir auch nicht sagen, das Auto sei schuld – nein, wir müssen hinterfragen, wer hat ihnen die Autoschlüssel gegeben?“
Es folgten Fragen aus dem Publikum, auf die die Fachleute antworteten, und eine Podiumsdiskussion. Mit dabei war auch Michael Reiner, Leiter der Abteilung Beratung und Information bei Young & Direct.
Der Vortrag kann auf YouTube nachgeschaut werden.
Der vierte und letzte Vortragsabend der Veranstaltungsreihe „Forum Gesundheit Südtirol“ in diesem Jahr fand in Bozen statt und beschäftigte sich mit dem richtigen Umgang mit Antibiotika.
Bakterien haben die Fähigkeit, resistent gegen Antibiotika zu werden. Diese Resistenz wird schon seit Jahren als Gefahr und globaler Notstand angesehen, und zwar sowohl im menschlichen als auch im tierischen und im Umweltbereich. Ein bewussterer Umgang kann dazu beitragen, diesem Phänomen Einhalt zu gebieten.
Zu diesem Thema referierten Leonardo Pagani, Facharzt in der Abteilung Infektionskrankheiten am Krankenhaus Bozen, und Richard Aschbacher, Biologe im betrieblichen Labor für Mikrobiologie und Virologie. Auch eine Betroffene kam zu Wort, die von ihren Erfahrungen im Umgang mit Antibiotika berichtete.
Das Thema ist in Fachkreisen bekannt, so warnt z.B. das bekannte „Robert Koch-Institut“ in Deutschland:
„Wenn ein neues Antibiotikum auf den Markt kommt, dauert es oft nicht lange, bis die ersten Resistenzen auftreten. Jeder Einsatz von Antibiotika fördert die Bildung von Resistenzen: Empfindliche Bakterien werden abgetötet – die resistenten jedoch überleben und vermehren sich weiter. Antibiotikaresistente Erreger treten daher oft dort auf, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, etwa in Kliniken, aber auch in der Landwirtschaft. Wenn ein Antibiotikum seine Wirkung verliert, ist prinzipiell jeder gefährdet.“
Infektionen mit resistenten Erregern lassen sich meist schwieriger behandeln und können einen komplizierteren Verlauf nehmen. Ein erhöhtes Risiko für solche Infektionen haben insbesondere Menschen mit einem schwachen Immunsystem, mit Autoimmunerkrankungen, Kinder mit einer unreifen Immunabwehr und ältere Menschen, bei denen das Immunsystem nachlässt.
Weitere Risikogruppen sind Organtransplantierte, Krebspatienten bei einer Chemotherapie, Diabetiker und Patienten, bei denen ein invasiver Eingriff durchgeführt wird.
Abschließend ein Ausblick des „Robert Koch-Instituts“: „Die Entstehung von Antibiotikaresistenzen kann nicht verhindert, sondern höchstens verlangsamt werden. Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu. Sie sind eine der größten Herausforderungen für die globale Gesundheit dieser Zeit.“
Auch dieser Vortrag kann auf YouTube nachgeschaut werde:
„Forum Gesundheit Südtirol“ – eine Veranstaltungsreihe des Südtiroler Sanitätsbetriebes. Alle Infos auch unter: www.gesundheit-suedtirol.it
Sabine Flarer


