Im Gedenken an Lorenz Böhler

14.03.2025, 10:00

Von den Anfängen der Traumatologie bis heute – Symposium am Krankenhaus Brixen.

Operationssaal im Krankenhaus Brixen zur Zeit von Primar Lorenz Böhler (Foto: Archiv Hartmuth Staffler)
Operationssaal im Krankenhaus Brixen zur Zeit von Primar Lorenz Böhler (Foto: Archiv Hartmuth Staffler)

Von den Anfängen der Traumatologie bis zu den neuesten Entwicklungen mit dem Einsatz von 3D-Druckern zur Herstellung von individuell angepassten Prothesen und der Künstlichen Intelligenz im Einsatz bei Operationen reichten die Themen des Symposiums im Gedenken an Lorenz Böhler, das im November 2024 am Krankenhaus Brixen stattfand.

Lorenz Böhler, der Begründer der modernen Unfallchirurgie, war vom 1. Mai 1924 bis zum 1. Juni 1925 Primar der Chirurgie in Brixen, bevor er das Unfallkrankenhaus Wien Webergasse aufbaute und dort weltberühmt wurde. Das 100-Jahr-Jubiläum war Anlass für ein Symposium, das von den Primaren Christian Schaller (Brixen) und Michael Engl (Sterzing) mit der wertvollen Mitarbeit des emeritierten Primars Franz Erschbaumer organisiert wurde und Fachleute aus der gesamten Europaregion zusammenführte.

Zur historischen Einführung erinnerte der Präsident des Geschichtsvereins Brixen, Hartmuth Staffler, daran, dass die 13 Monate währende Tätigkeit von Lorenz Böhler in Brixen den Höhepunkt einer Periode der chirurgischen Exzellenz des Brixner Krankenhauses darstellte, an die heute wieder angeknüpft wird. Nach Jahrzehnten des absoluten Stillstandes war im Jahr 1914 das vom fortschrittlichen Bürgermeister Otto von Guggenberg gewollte neue Krankenhaus in Betrieb gegangen. Guggenberg war selbst Arzt und hatte Verständnis für die Notwendigkeit. Im alten Bürgerspital, wo es keinen Operationssaal und nur zwei Krankensäle jeweils für Männer und Frauen gab, waren kleinere Operationen in Anwesenheit aller Patienten vorgenommen worden. Für größere Operationen wurden die Patienten mit dem Zug nach Innsbruck oder Bozen geschickt, was viele nicht überlebten.

Im neuen Krankenhaus waren zwei Operationssäle mit der modernsten Medizintechnik der damaligen Zeit ausgestattet. Anton Sigmund, Primar ab 1914, hatte sich in Chirurgie in Salzburg bei Prof. Ernst von Karajan, dem Vater des später berühmten Dirigenten Herbert von Karajan, spezialisiert. Der aus Feldkirch in Vorarlberg gebürtige Arzt, dessen Familie ursprünglich aus der Brixner Gegend kam, machte das Brixner Krankenhaus zu einer führenden Klinik im Bereich der Laparotomie, vor allem der Appendektomie, mit einer der geringsten Todesraten bei den damals gefürchteten „Blinddarmoperationen“ europaweit. 1924 musste Dr. Sigmund Brixen verlassen, da der gebürtige Vorarlberger den faschistischen Machthabern nicht genehm war.

Neuer Primar der Chirurgie in Brixen wurde als Nachfolger von Anton Sigmund Lorenz Böhler, der im Ersten Weltkrieg aus einem Reservelazarett für Leichtverwundete im ehemaligen Dominikanerkloster in Bozen eine Spezialklinik für Knochen- und Gelenkschüsse gemacht hatte.

In Brixen fand Böhler ideale Voraussetzungen, um auf höchstem Niveau zu operieren und seine Operationstechniken weiterzuentwickeln, während er darauf wartete, dass die Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt in Wien ihm das erste Unfallkrankenhaus überhaupt einrichtete. Böhler hatte mit seinen Statistiken überzeugt, wonach bei geeigneter Behandlung die Rehabilitationszeit nach schweren traumatologischen Schäden verkürzt werden kann und bleibende Folgen verringert werden können.

Nachfolger von Lorenz Böhler als Primar der Chirurgie in Brixen wurde der aus Triest stammende Slowene Juri (Georg) Pototschnig, der das hohe Niveau der Brixner Chirurgie weitertrug. Erwähnenswert ist, dass während einer krankheitsbedingten Abwesenheit von Georg Pototschnig im Jahr 1928 dessen Frau, deren Name leider nicht überliefert ist, am Brixner Krankenhaus einen Monat lang die chirurgischen Operationen durchführte. Als Ende des Jahres 1928 die faschistischen Machthaber die Umwandlung des Brixner Krankenhauses in ein Lungensanatorium beschlossen, verließ Pototschnig Brixen, weil in dem notdürftig im Rohbau eines geplanten Landwehrspitals eingerichteten neuen Brixner Krankenhaus Operationen auf hohem Niveau nicht mehr möglich waren. Pototschnig nahm aber zwei Operationsschwestern, die unter Primar Sigmund und Primar Böhler gut geschult worden waren, an seinen neuen Wirkungsort Vicenza mit, um dort die moderne Brixner Operationstechnik bekanntzumachen. Damit war im Jahr 1928 die glorreiche Periode der Chirurgie am Brixner Krankenhaus vorerst beendet. Es war nicht leicht, aber es ist gelungen, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder daran anzuknüpfen.

Den Festvortrag zum Thema „Perioperatives Management“ hielt beim Brixner Symposium Prof. Nikolaus Böhler, ein Enkel von Lorenz Böhler. Er erinnerte an die familiären Bindungen seines Großvaters nach Südtirol, und auch an die abenteuerlichen Umstände, unter denen dieser im Ersten Weltkrieg nachts Schwerverletzte aus den am Bozner Bahnhof stehenden Lazarettzügen entführte, um sie zu behandeln. Damit hat er nicht nur unzähligen schwer verwundeten Soldaten Gliedmaßen und oft wohl auch das Leben gerettet, sondern auch dank seiner akribischen Aufzeichnungen der angewendeten therapeutischen Maßnahmen eine Grundlage für eine effiziente Unfallchirurgie geschaffen.

Auch Prof. Nikolaus Böhler setzt beim „Perioperativen Management“, das sind all die Maßnahmen, die im Umfeld einer Operation notwendig beziehungsweise sinnvoll sind, auf die Statistik. Er zeigte klar und deutlich und anhand von Zahlen auf, wie sehr die Reduzierung des Übergewichtes, das Einstellen des Rauchens (Reduzieren nützt nicht!), das Reduzieren des Alkoholkonsums sowie eine geeignete proteinreiche Ernährung mit ausreichender Vitamin-D-Zufuhr das Risiko bei Operationen verringert. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Patienten rechtzeitig zu informieren und auf ihre Selbstverantwortung hinzuweisen.

Auf fachspezifische Themen gingen die weiteren Referenten ein. So berichtete Rohit Arora von der Uniklinik Innsbruck mit eindrucksvollen Bildern über neue Erkenntnisse bei der Behandlung von Radialfrakturen. Es habe sich gezeigt, dass die bisher übliche Manipulation zur Einrichtung der Fraktur nicht unbedingt notwendig sei. Eine Streckung mit den bekannten „Mädchenfängern“ habe sich in den meisten Fällen als ausreichend erwiesen, um einen günstigen Therapieerfolg zu erzielen.

Sehr interessant war auch der Beitrag von Dr. Fabrizio Cont (Tione), der anhand eines komplizierten Bruches des Schultergelenkes aufzeigte, dass auch die moderne Magnetresonanz nicht immer diagnostisch ausreichend ist, sondern dass manchmal die gute alte Radiographie mehr Aufschluss gewähren kann. Hochmodern war dann allerdings seine therapeutische Antwort auf das Problem: Mit Hilfe einer Computertomographie wurde ein Modell der zertrümmerten Schulter erstellt und dann mit einem 3D-Drucker ein für diesen Fall genau passendes Titaniumimplantat erzeugt.

Pier F. Indelli (Brixen/Stanford) wies in seinem Beitrag unter dem Titel „Gait analysis in robotic knee surgery“ darauf hin, dass auch im Bereich der Knieprothesen der Geschlechterunterschied nicht vernachlässigt werden darf. Selbst bei einer einzelnen Person seien die Extremitäten nicht symmetrisch, zwischen Mann und Frau seien die Unterschiede noch viel größer. Wie er sagte, beruhen darauf die Probleme mit den Knieprothesen, die noch nicht zufriedenstellend gelöst seien. Es brauche noch viel mehr Forschung im Bereich Ganganalyse.
Primar Michael Engl beschloss den Reigen der hochinteressanten Referate mit einem Ausblick auf die Einbeziehung der Künstlichen Intelligenz in die Chirurgie. Er wies unter anderem darauf hin, dass die Interpretation von Röntgenbildern, vor allem, was die Erkennung von Frakturen betrifft, durch Künstliche Intelligenz wesentlich verbessert werde. Ein Merkmal der Künstlichen Intelligenz sei deren Lernfähigkeit. Das bedeute zum Beispiel, dass ein Roboter, der oft genug bei Operationen zugeschaut hat, mit der Zeit lernt, wie eine Operationsnaht auszuführen ist. Die Zukunft geht in diese Richtung, aber auch in diesem Bereich ist noch viel Entwicklungsarbeit notwendig.

Hartmuth Staffler