Bergluft für die Seele
Wer sich viel in der Natur aufhält, kann es wahrscheinlich bestätigen: Gerade die Berglandschaft tut der Seele gut. Im Psychiatrischen Dienst in Meran wird deshalb bereits seit einiger Zeit die sogenannte „Bergtherapie“ für Patientinnen und Patienten angewandt, ein Projekt mit Erfolg, wie die Organisatoren bestätigen.
„Die vom italienischen Alpenverein CAI mit Unterstützung von Fachleuten durchgeführte Bergtherapie ist auf Gruppendynamik ausgelegt und findet in der natürlichen Bergumgebung statt“, erklärt Psychiater Patrick Kaplan die in Fachkreisen bereits seit längerer Zeit bekannte Therapie. Anderorts nicht anwendbar, ist Südtirol für diese Form von Therapie geradezu ideal. „Wir möchten durch den Aufenthalt in der Natur die Sozialisierung der Patientinnen und Patienten fördern und helfen, das psychophysische Wohlbefinden zu erhöhen.“ Nebenbei kann unkompliziert gegen Stigmatisierungen angekämpft werden, die persönliche Autonomie wird gefördert und gerade Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen können erleben, wie es sich anfühlt, Schwierigkeiten zu überwinden.
Das Konzept der Bergtherapie wurde 1999 vom italienischen Psychologen und Psychotherapeuten Giulio Coppola erarbeitet. Er zeigte auf, dass durch regelmäßige körperliche Aktivität in der Natur Blutdruck und Körpergewicht sinken, aber auch Schlaflosigkeit, Angstzustände, Depressionen oder sozialer Rückzug verbessert werden können. Coppola erkannte, dass es für Körper und Geist förderlich ist, in der Natur zu sein und in den Bergen zu wandern – besonders für Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden.
2005 weitete sich Coppolas Therapieansatz aus, es entstand ein nationales sogenanntes „Bergtherapie-Netzwerk“: Expertinnen und Experten für psychische Gesundheit und CAI-Berg- und Wanderführer arbeiten darin zusammen. Alle zwei Jahre finden gemeinsame Treffen statt, bei denen Erfahrungen ausgetauscht und neue Reha-Programme festgelegt werden. 2020 wurde die Bergtherapie als Projekt in die italienische zentrale Wanderkommission aufgenommen, welche eng mit der italienischen Gesellschaft für Bergmedizin zusammenarbeitet.
Krankenpflegerin Vania Bulf, die die Gruppe oft begleitet, erklärt die Aktivität: „Die CAI-Guides legen die Routen fest und bieten logistische, organisatorische und sichere Begleitung auf einfachen Wegen und geeigneten Routen. Wir vom Psychiatrischen Dienst begleiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer abwechselnd auf ihren Touren, das ist auch für uns immer eine neue Erfahrung, denn die veränderte Umgebung hat einen großen Einfluss auf das Verhalten der Menschen.“
Bisher wurden acht Ausflüge durchgeführt, dabei ging es unter anderem zum Felixer Weiher, auf den Ritten oder ins Ultental. Die Touren werden immer so ausgewählt, dass sie zwar etwas Anstrengung erfordern, jedoch für alle Beteiligten gut machbar sind:
„Der Zweck besteht in diesem Fall nicht in der Wanderung selbst, sondern in der gemeinsamen Durchfuhrung der Aktivitaten im Freien. Das Zusammensein und das Miteinander sollen moglichst als positive Erfahrung gesehen werden“, so Vania Bulf.
Durchschnittlich nehmen 16 Patientinnen und Patienten an den Touren teil, sie werden im Rahmen ihrer Behandlung vom Team des Psychiatrischen Dienstes Meran darauf angesprochen, ob sie Interesse an dieser lockeren Form von Gruppentherapie hätten. „Das Feedback ist sehr positiv, wir sehen, dass selbst Menschen, die dem Projekt anfangs zögerlich gegenüberstanden, nach dem ersten gemeinsamen Ausflug sehr zufrieden sind“, so die Begleiterinnen und Begleiter.
Sabine Flarer


