Enthusiasmus als Triebfeder

30.10.2025, 09:00

Sportler, Chirurg, Primar – und jetzt Sanitätsdirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes. Josef Widmann war in seinem Leben bereits vieles. Ein Gespräch über die Parallelen zwischen Sport und Beruf und was ihn manchmal wehmütig macht.

Josef Widmann (Foto: Peter A. Seebacher)
Josef Widmann (Foto: Peter A. Seebacher)

Dr. Widmann, was war ursprünglich Ihre Motivation Medizin zu studieren – und was hat Sie später in eine Führungsrolle geführt?
Da gehen wir weit zurück (lacht). Bereits während meiner Schulzeit habe ich mich für Naturwissenschaften interessiert. Dieses Interesse hat mich dann schlussendlich dazu gebracht, ein Medizinstudium aufzunehmen. Da ich eher ein pragmatisch und praktisch veranlagter Mensch bin, habe ich mich dann für das Fach Chirurgie und schlussendlich für die allgemeine Chirurgie entschieden. Was mich in eine Führungsrolle gebracht hat? Als junger Mensch denkt man ja nicht daran, sondern lebt die Begeisterung für ein Fach, ein Thema und insofern ist es das, was mich in Führungspositionen gebracht hat – sei es im Beruf als auch außerhalb im sportlichen Bereich. Engagement und Begeisterung sind entscheidend dafür, dass man in seinem Tätigkeitsbereich aufgeht. Danach sind es verschiedene Faktoren, die dazu beitragen, dass man eine Führungsposition erreicht oder nicht. Der Enthusiasmus für sein Fach ist in meinen Augen aber Voraussetzung dafür. Bei mir war das immer die Triebfeder und schlussendlich verantwortlich dafür, dass ich nun in der verantwortungsvollen und intensiven Rolle als Sanitätsdirektor des Sanitätsbetriebes gelandet bin.

Sie waren auch sportlich sehr engagiert und habe lange Jahre semiprofessionell Handball gespielt. Wie konnten Sie die Balance zwischen Ihren sportlichen und beruflichen Ambitionen halten?
Sport in jungen Jahren ist etwas sehr Schönes und intensiv Gelebtes und in einer bestimmten Lebensphase ein zentraler Lebensinhalt. Mir war aber immer völlig klar, dass der Sport „nur“ ein Teilbereich meines Lebens sein wird und ich eine solide berufliche Ausbildung haben möchte. Sport und Studium liefen also zwangsläufig parallel und da beides recht intensiv war, blieb nicht besonders viel Zeit für andere Dinge. Das liegt lange zurück, aber ich denke noch gerne an diese Zeit. Ich konnte viele wertvolle Erfahrungen sammeln, die mir dann auch später in den verschiedenen Führungsrollen geholfen haben.

Was kann einem der Sport für den Beruf mitgeben?
Sei es im Sport als auch im Beruf braucht es Fleiß und Ausdauer, auch eine gewisse Leidensfähigkeit und Fähigkeit, sich zu überwinden. Auch die Fähigkeit mit Situationen umzugehen, die nicht nach Wunsch verlaufen, sowie eine gewisse Resilienz. Das alles sind Erfahrungen aus meiner sportlichen Zeit, die mich sicher geprägt und mir in meiner beruflichen Karriere geholfen haben. Ebenso die Tatsache, in einem Mannschaftsport tätig gewesen zu sein, in einer Gruppe mit den entsprechenden Hierarchien, Gruppendynamiken und unterschiedlich starken Persönlichkeiten. Am Ende zählt aber das Gesamtergebnis der Mannschaft. Auch, indem sich die verschiedenen Charaktere und Persönlichkeiten innerhalb der Gruppe entwickeln können, um erfolgreich zu sein. Mannschaftssport fördert außerdem die Konfliktfähigkeit. Kurzum, es war und ist ein Lernprozess, der bis heute nicht beendet ist (lacht).

Vom Arzt zum Primar zum Sanitätsdirektor – wie hat sich Ihr Blick auf das Gesundheitssystem dadurch verändert?
Der Blickwinkel hat sich dadurch erweitert. Die Rolle eines Sanitätsdirektors ist eine andere als die eines Primars. Aber gewisse grundlegende Prinzipien, die in meiner Tätigkeit als Arzt Voraussetzung waren, bleiben unverändert. Etwa die Tatsache, dass wir für die anderen da sind, für die Patientinnen und Patienten. Wir sind diejenigen, die unsere Kompetenz und unser Können für die Bürgerinnen und Bürger einsetzen – im Kleinen wie im Großen. Mir wird immer bewusster, wie wichtig diese Einstellung ist und ich möchte daran arbeiten, dieses Bewusstsein innerhalb des Betriebes voranzutreiben. Dass wir für die Bürgerinnen und Bürger da sind und nicht umgekehrt. Ein weiteres Prinzip, gerade in unserem Bereich: Es kommt in der Betreuung auf jeden Einzelnen an, jede Patientin und jeder Patient muss mit Sorgfalt und Empathie für das Einzelschicksal betreut werden. Natürlich müssen im Großen Statistiken und Zahlen herangezogen werden, aber diese basieren auf der Arbeit jedes und jeder Einzelnen. Die Arbeit eines jeden und jeder im Betrieb ergibt dann am Ende das Licht, in dem der gesamte Betrieb gesehen wird.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für das Sudtiroler Gesundheitssystem in den kommenden Jahren?
Naja, die größte Herausforderung ist sicherlich, dass wir in Zukunft keine nach oben offenen Ressourcenmöglichkeiten haben werden. Ich denke dabei vor allem an die Personalressourcen aber auch an ökonomische Aspekte. Wir als Betrieb müssen uns dieser Tatsache stellen und entsprechend reorganisieren. Unsere bisherigen Modelle müssen umgestaltet werden, weil einerseits die wissenschaftlichen-medizinischen Ansprüche ständig nach oben geschraubt werden und andererseits die dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht unendlich sind. Die größte Herausforderung wird sein, die berechtigten Anforderungen an die Gesundheitsversorgung abzustimmen mit den hierfür zur Verfügung stehenden Ressourcen, damit wir jeder Bürgerin und jedem Bürger die entsprechende Behandlung zukommen lassen können. Wir werden es uns nicht mehr leisten können, mit Organisationsmodellen, die vor 40 Jahren entstanden sind, in die nächsten fünf Jahre zu gehen.

Der Mangel an Arztinnen und Ärzten sowie Pflegekräften ist ein Thema, das auch Südtirol betrifft. Welche langfristigen Losungen sehen Sie?
Bei einem Vortrag in Wien vor einigen Jahren hat der Redner gemeint: Wir haben keinen Fachkräftemangel, sondern einen Menschenmangel. Dies im Sinne der demografischen Entwicklung. Das ist das eine. Das andere ist natürlich, dass man versuchen muss, junge Menschen für diese Berufe zu begeistern und da gibt es ja einige Aktionen, die das Ziel haben, junge Menschen in diese Berufe zu bringen – was zugegebenermaßen nicht einfach ist. Denn Berufe im Gesundheitswesen sind verbunden mit Herausforderungen, die andere Berufe nicht haben. Schon allein der Tatsache geschuldet, dass die Gesundheitsversorgung 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag gewährleistet sein muss. Unsere Dienste müssen funktionieren und das bedeutet entsprechende Arbeitsturnusse. Stichwort Work-Life-Balance.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung im ärztlichen Alltag – und wo sehen Sie Grenzen?
Digitalisierung und KI sind Instrumente, die uns helfen sollen, die Versorgung zu optimieren. Nichtsdestotrotz ist aber der persönliche Einsatz im Gesundheitsbereich entscheidend. Das Gefühl der Patientinnen und Patienten, sich als Person wahrgenommen und empathisch betreut zu fühlen, kann KI und Digitalisierung nicht ersetzen. Wie Erfahrungen in der Vergangenheit gezeigt haben, wurde der Kontakt und das Vertrauensverhältnis zu einem Arzt einer KI-basierten Methode vorgezogen. Am Ende zählt interessanterweise die Beziehung zwischen Behandelnden und Behandeltem. Trotzdem, KI und Digitalisierung haben in den medizinischen Alltag bereits Einzug gehalten, aber wir sollten genau abwägen, wo und in welcher Form diese Technik zum Einsatz kommen soll.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit auf Direktionsebene – insbesondere zwischen Verwaltung, Pflege und ärztlicher Leitung?
Wir sind alle sehr beschäftigt. Unser Meinungs- und Informationsaustausch findet zum größten Teil bei institutionellen und vorab geplanten Meetings statt, bei denen es eine festgelegte Tagesordnung gibt. Die Komplexität und das Volumen unserer Arbeit macht es nicht leicht, sich außerhalb dieser Treffen auszutauschen. Leider fehlt oft die Zeit für informelle Gespräche außerhalb der geplanten Meetings. Das – offen gesagt – fehlt mir manchmal.

Gibt es eine Erfahrung aus Ihrer klinischen Tätigkeit, die Sie bis heute prägt?
Es gab viele intensive Erlebnisse, aber eines ist mir tatsächlich sehr in Erinnerung geblieben: Nachdem ich sie operiert hatte, hat mir eine Patientin Wochen danach einen Brief geschrieben. In diesem beschrieb sie, wie sie sich als Patientin, als Mensch gefühlt hat, die ihr gesamtes Ich, ihr Leben ganz in die Hände der behandelnden Personen begibt; die sich buchstäblich entkleidet und sagt: „… ja, ich erlaube euch, meinen Körper aufzuschneiden, ich muss damit rechnen, dass ich eventuell sterbe, aber ich habe eine Krankheit, die geheilt werden muss. Ich bin ganz in euren Händen.“ Dieser Brief war in einer sehr intensiven Sprache verfasst und hat mir die Augen darüber geöffnet, was es bedeutet, wenn ein Mensch zu dir kommt und sagt: operiere mich. Der Brief war so offen, ehrlich und entwaffnend und hat so klar und deutlich aufgezeigt, was es für eine Patientin oder Patient heißt, die Kontrolle abzugeben und sein Schicksal in die Hände anderer zu geben. Ich denke noch oft an diesen Brief.

Krankenhaus oder Büro im Edison- Park – wo fühlen Sie sich mehr zu Hause?
Sagen wir so: Ich bin jetzt hier, bin Sanitätsdirektor und mache den Job immer noch mit Enthusiasmus und Begeisterung und versuche mein Bestes zu geben. Meine Tätigkeit als Chirurg ist Vergangenheit. In kurzen Momenten werde ich manchmal ein wenig nostalgisch und wehmütig, aber ich werde manchmal auch wehmütig, wenn ich an meine sportliche Vergangenheit und die damit verbundene aber verflossene Jugend nachdenke (lacht).

Peter A. Seebacher