Kalte Füße (im Original "Piedi freddi")

14.03.2025, 08:00

Francesca Melandri gehört beim deutschsprachigen Lesepublikum zu den beliebtesten italienischen Autorinnen. In ihren Romanen setzt sie sich mit Themen aus der italienischen Geschichte auseinander, wie in ihrem ersten Roman, „Eva schläft“, mit der Geschichte Südtirols.

Foto: Francesca Melandri, Kalte Füße, Verlag Klaus Wagenbach
Foto: Francesca Melandri, Kalte Füße, Verlag Klaus Wagenbach

Von der Kritik gefeiert wurden auch ihre beiden nächsten Romane „Über Meereshöhe“ und „Alle, außer mir“. In ihrem vierten Roman, „Kalte Füße“, schreibt Melandri über den sogenannten „Rückzug aus Russland“: Im Winter 1942/43 flohen italienische Soldaten mit für den russischen Winter ungeeigneten Schuhen vor der Roten Armee und erfroren zu Zehntausenden. Melandris eigener Vater Franco war einer der Überlebenden des Russlandfeldzuges, er kämpfte damals als Kommandeur der „Alpini“ an der Seite Nazideutschlands.

Mit dem Beginn des Überfalls von Russland auf die Ukraine im Februar 2022, erkennt Melandri die Orte aus den Erzählungen ihres Vaters wieder und ihr wird klar, dass der Russlandkrieg, den ihr Vater beschrieben hat, auch damals im Zweiten Weltkrieg ein Ukraine-Krieg war.

In ihrem Vater sieht Melandri einen Vertreter des großen Schweigens, das für die Nachkriegszeit in Italien typisch war und so begibt sie sich auf eine persönliche Spurensuche nach seinen unausgesprochenen Erlebnissen. Auch nach seiner Rückkehr aus dem Russlandfeldzug blieb Franco Melandri bei den „Alpini“ und schrieb als Journalist beim Faschistenblatt „Gazzetta del Popolo“. Für seine Tochter Francesca ist es nicht einfach, dass ihr geliebter Vater damals auf der falschen Seite stand. Der Roman „Kalte Füße“ ist der Versuch einer historischen Aufarbeitung, indem sie einen langen Brief an den vor einigen Jahren verstorbenen Vater richtet.

Melandris Roman kann als Erinnerungsbuch oder als politischer Essay gelesen werden, auf jeden Fall ist es – aufgrund des nunmehr drei Jahre andauernden Ukrainekrieges – eine hochaktuelle Lektüre.

Vera Schindler