Globaler Notstand

20.11.2023, 23:00

Von antimikrobieller Resistenz (AMR) wird gesprochen, wenn Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten nicht mehr auf antimikrobielle Wirkstoffe ansprechen. Mit der World AMR Awareness Week (WAAW), die alljährlich vom 18. bis 24. November ausgerufen wird, möchte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf die Problematik der Antibiotikaresistenz hinweisen. Wir haben Leonardo Pagani, Direktor der einfachen Struktur „Antimicrobial Stewardship“ an der Abteilung für Infektionskrankheiten am Landeskrankenhaus Bozen, dazu befragt.

Leonardo Pagani
Leonardo Pagani

Antibiotikaresistenz – wie groß ist das Problem?

Wir sprechen hier von einem globaler Notstand und seit Jahren ist eine progressive und unaufhaltsame Zunahme zu beobachten, die eigentlich alle Länder betrifft - auch wenn die Entwicklungsländer jetzt in einer besonders schweren Krise stecken.

Wie sieht es in Südtirol aus?

Die Situation in Südtirol ist nicht nur im Vergleich zu allen anderen italienischen Provinzen und Regionen viel besser, sondern auch im Vergleich zu den südeuropäischen Ländern; die Antibiotikaresistenzen in Südtirol ähneln jener von Schweden oder anderen nordischen Ländern.

Was kann man dagegen tun – oder was wurde bereits unternommen?

Leider wird viel geredet, aber auf nationaler Ebene wird nicht viel getan. Der Bericht der Stockholmer ECDC-Kommissare über Italien aus dem Jahr 2017 war eine schonungslose Momentaufnahme unseres Landes, aber danach ist nichts geschehen. Hoffen wir auf die zweite Auflage des PNCAR und des PNRR. Wenn auch diese Chancen nicht genutzt werden, sind wir wirklich selbst schuld.

Wie reagiert der Südtiroler Sanitätsbetrieb auf die Problematik?

Der Sanitätsbetrieb unterstützt und fördert das Projekt „Antimicrobial Stewardship“, das 2002 entstand und 2007 offiziell anerkannt wurde; es wurde dank einer vorausschauenden Zukunftsvision ins Leben gerufen und über die Jahre zukunftsstrategisch weiterentwickelt und gilt deshalb noch heute als europäisches Spitzenprojekt in diesem Bereich.

Wie wird sich das Problem in Zukunft entwickeln? Werden Antibiotika bald nutzlos?

Derzeit scheint der Prozess unumkehrbar zu sein, vor allem, weil entschlossene und unpopuläre Maßnahmen, die notwendig wären, fehlen. Man schätzt, dass bei der derzeitigen Geschwindigkeit der zunehmenden Antibiotikaresistenz bis 2050 schätzungsweise mehr als 10 Millionen Menschen jährlich weltweit sterben, weil es keine wirksamen Antibiotikatherapien mehr gibt.

Gibt es bereits Alternativen zu Antibiotika?

Leider gibt es keine wirksamen Alternativen zu Antibiotika; man kann versuchen, bestimmte Bedingungen zu verbessern, indem man sie weniger notwendig macht. Aber die Wissenschaft schlägt schon seit Jahren Alarm: Ohne wirksame Antibiotika kann das gesamte Gebäude des medizinischen Fortschritts zusammenbrechen, da eine Reihe von Verfahren oder Eingriffen ohne wirksame antibakterielle Therapien nicht mehr möglich sind.

Peter A. Seebacher