Der Suchende
Massimiliano Fanni Canelles, gebürtig aus dem Friaul und Arzt in der Notaufnahme am Krankenhaus Meran, ist dank seiner Facebook-Seite mit vielen Followern, auf der er Kurioses und Wissenschaftliches teilt, ein bekanntes Gesicht.
Massimiliano Fanni Canelles ist nicht nur Vize-Verantwortlicher der Notaufnahme des Krankenhauses „Franz Tappeiner“ in Meran, sondern auch Dozent an der Universität Bologna, Publizist und Schriftsteller. Eines ist er aber vor allem: Arzt aus Leidenschaft. „Ich würde meine Arbeit sogar ohne Entgelt machen - was ich übrigens bereits auf der ganzen Welt getan habe - denn es gibt nichts Dankbareres, als Menschenleben retten zu können“, erklärt Canelles seine Motivation. Im folgenden Gespräch geht der Nephrologe auf seine Wissenschaftsrubrik auf Facebook ein, der rund 64.500 Menschen folgen. Und er spricht über seinen persönlichen und beruflichen Weg, der ihn mit Persönlichkeiten wie Johannes Paul II., dem Dalai Lama, Aleida Guevara, der Tochter des Revolutionärs Ernesto 'Che' Guevara, José Alberto “Pepe” Mujica Cordano, dem ehemaligen Präsidenten von Uruguay, und Mutter Teresa zusammenbrachte. Letztere eine Begegnung, die sein Leben veränderte.
Medizinisch-wissenschaftliche und geopolitische Veröffentlichungen, Universitätsdozent, Schriftsteller und Arzt: Woher nehmen Sie die Zeit, all diese Dinge unter einen Hut zu bringen?
Mein „abendliches“ Hobby ist die Vertiefung des Wissens. Ich pflege es in jeder freien Minute und führe es auf mein Interesse an der Menschheit zurück, an ihrer Entwicklung, aber auch an Aspekten der Spiritualität. Ich bezeichne mich gerne als „Sucher“ nach dem Funken, der den Menschen vom Rest des Universums unterscheidet. Für mich ist es eine ständige Suche nach dem Sinn des Lebens, die dann zu Gedanken über das Leben nach dem Tod, die menschliche Natur und die Frage führt, ob wir wirklich allein in diesem Universum sind ...
Wie ist die Idee zu dieser Rubrik der täglichen Dosis an Wissen auf Facebook entstanden?
Die Idee stammt von einem Kollegen, der mir vorschlug, mein Wissen über Social Media zu teilen. Ich probierte es aus und stellte bald fest, dass mir Menschen folgten. Normalerweise plane ich meine Veröffentlichungen lange im Voraus und bereite mehrere Beiträge gleichzeitig vor, sobald ich Zeit habe. Danach plane ich die täglichen Veröffentlichungen. Ein wichtiger Aspekt dieser Arbeit ist die Fähigkeit, zusammenzufassen zu können. Ich beginne mit einem etwas längeren Titel und bündle dann die Informationen so gut es geht, wobei ich versuche, für den Leser interessant zu bleiben.
Im Jahr 2021 haben Sie ein Buch mit dem Titel Avanguardia TEAL über die Zukunft von Unternehmensorganisationen veröffentlicht. Worum geht es darin?
Das Buch ist das Ergebnis von Forschungsarbeiten, die am Krankenhaus von Cividale del Friuli durchgeführt wurden, wo ich für die Nephrologie zuständig war. Das Experiment bestand in der Anwendung einer horizontalen Art von Team-Management-System. Dabei handelt es sich um ein bereits bestehendes Organisationsschema, das von Frederic Laloux entwickelt und bereits von einigen großen multinationalen Unternehmen übernommen wurde. Ich hatte nur das Verdienst, es zu verfeinern. Der Kern des Projekts liegt jedoch in einem auf Eigenverantwortung basierenden Management. Als Ergebnis konnten wir das Leistungsniveau bei gleichem Budget verdreifachen.
Das Buch enthält ein Vorwort von Zvonimir „Zorro“ Boban, ehemaliger Fußballspieler, Spieler des AC Mailand und der kroatischen Nationalmannschaft in den 90er-Jahren. Wie haben Sie ihn kennengelernt?
Im Friaul habe ich eine alte Mühle renoviert, dort verbringe ich oft meine freien Wochenenden. Die Mühle befindet sich in der Nähe einer stillgelegten Fabrik, in einer Gegend, in der sich eine Art Gemeinschaft von Künstlern und Intellektuellen mit „offenen Türen“ gebildet hat, in der jeder jeden besuchen kann. „Zvone“ hatte von einem Maler gehört, der dort wohnt und war extra gekommen, um einige seiner Bilder zu kaufen. Mein Haus befindet sich in der Nähe eines Flusses und ist das erste in dieser Siedlung. Er klopfte an meine Tür, als ich gerade Tortellini zubereitete. Ich interessiere mich nicht für Fußball und wusste nicht einmal, wer er war. Ich lud ihn zum Essen ein und von da an entstand eine wunderbare Freundschaft. Keiner von uns erzählte dem anderen, was er beruflich macht, so ging es mindestens sechs Monate lang. Als er eines Tages zu Besuch war, sah er die Entwürfe des Buches und fragte mich, was ich da schreiben würde und ob er es lesen dürfte. Natürlich habe ich bejaht. Nach drei Wochen erhielt ich einen Anruf aus Genf, und seine Sekretärin fragte, ob der „Präsident“ mir das Vorwort des Buches schicken könne. So fand ich heraus, wer Zvonimir Boban ist, nämlich ein ehemaliger Fußballmeister und derzeitiger Head of Football der Uefa (zuständig für die Beziehungen zu den europäischen Fußballverbänden, Anm. d. Red.).
Sie haben unter anderem erwähnt, dass Sie als Freiwilliger im Ausland gearbeitet haben. Können Sie uns mehr über Ihre Erfahrungen erzählen?
Alles begann, als ich als Soldat an der Friedensmission in Somalia teilnahm und das Glück hatte, Mutter Teresa von Kalkutta zu treffen. Sie veränderte mein Leben, indem sie mir sagte, dass ich Arzt werden sollte. Nach diesem Ereignis schrieb ich mich an der medizinischen Fakultät ein. Den Abschluss zu machen, bedeutete für mich, anderen Menschen zu helfen, vor allem in Entwicklungsländern. Ich habe Freiwilligendienst bei Ärzte ohne Grenzen, beim Roten Kreuz und dann mit meiner eigenen Stiftung bei vielen Konflikten geleistet, zum Beispiel in Ruanda, im ehemaligen Jugoslawien, während des zweiten Golfkriegs, in Afghanistan, Syrien und in Sri Lanka auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs, wo wir uns darum kümmerten, Kindersoldaten zu befreien. Das war furchtbar schwierig, denn das Leben in einem „ewigen Krieg“ ist verheerend. Was man dabei empfindet, ist unbeschreiblich, und selbst jetzt noch habe ich manchmal Angst, einzuschlafen. Diese Erfahrungen brennen sich in das Gedächtnis ein ...
Wie verändert sich ein Mensch, nachdem er grenzenlose Grausamkeit erlebt hat?
Im Krieg werden die normalsten Menschen zu Monstern, die zu jeder Grausamkeit fähig sind. Daher mein Interesse, wie der Mensch die unglaublichsten und schrecklichsten Dinge gleichzeitig schaffen kann. Aus all diesen Erfahrungen habe ich den Impuls erhalten, etwas Positives in meinem Leben zu hinterlassen, um ein Gegengewicht zu dem Schrecken zu schaffen, den ich gesehen und erlebt habe. Der Dank, den man empfindet, wenn man ein Leben rettet, ist enorm, daher bin ich Arzt. Das ist der wahre Sinn meines Lebens. Je mehr Gutes man tut, desto mehr Böses tritt zurück. Umgekehrt wird das Böse während eines Konflikts zu einem unkontrollierbaren „Pilzfleck“, der sich vom verursachten Schmerz und Tod ernährt. Gutes zu tun dient dazu, dies einzudämmen.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Im Moment bin ich im Notfallbereich sehr zufrieden. Ich würde in Zukunft gerne die Möglichkeit haben, die Teal-Methode auch im Gesundheitsbetrieb ein- zuführen. Da ich aber nicht weiß, ob es funktionieren wird, möchte ich es nicht erzwingen. Wenn es das Richtige ist, wird es von allein laufen, ohne mein Dazutun.
Rocco Leo

