Wenn Worte fehlen
In einer Fachtagung am 2. April, organisiert vom Kloster Neustift und dem Therapiezentrum Bad Bachgart des Südtiroler Sanitätsbetriebes, stand die Sprachlosigkeit traumatisierter Menschen im Mittelpunkt.
Federführend bei der inhaltlichen Konzeption war der Direktor des Therapiezentrums Bad Bachgart im Südtiroler Sanitätsbetrieb, Martin Fronthaler. Unter dem Titel „Trauma-Sprache – Das Trauma erzählbar machen" trafen sich Fachleute aus Traumapsychotherapie, Traumapädagogik, Sozialarbeit, Rechtswesen und Heilberufen zum interdisziplinären Austausch.
Die zentrale Erkenntnis: Traumatisierungen manifestieren sich nicht nur in körperlichen oder emotionalen Symptomen, sondern besonders in der Unfähigkeit, das Erlebte in Worte zu fassen. Diese Sprachlosigkeit stellt eine der größten Hürden im Heilungsprozess dar.
Sylvia Wintersperger erläuterte, wie Traumata das biografische Gedächtnis blockieren und betonte die Notwendigkeit, verschiedene Ausdrucksformen zu erkennen. In der Traumapädagogik, vorgestellt von Axel Schmid, steht das Konzept des „Nachnährens" im Vordergrund – Menschen mit Bindungs- und Entwicklungstraumata brauchen emotionale Nachversorgung und klare Grenzen. Die Stärkung vorhandener Ressourcen bildet dabei das Fundament des Heilungsprozesses.
Donatella Arcangeli, Primarin für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Südtiroler Sanitätsbetrieb, widmete sich den Auswirkungen unbehandelter Traumata auf die Entwicklung von Kindern, besonders bei neurologischen Entwicklungsstörungen. Michele Marconi stellte die tiergestützte Intervention vor, bei der Tiere, vor allem Pferde, durch nonverbale Kommunikation eine besondere Verbindung zu Traumatisierten aufbauen können.
Körperorientierte Ansätze präsentierte Giada Maslovaric mit dem „Bottom-Up"-Ansatz, der Trauma-informed Yoga und EMDR kombiniert. Ada Lentini ergänzte mit der Bioenergetik, die körperliche Blockaden löst. Verena Nagler verdeutlichte die Notwendigkeit, rechtliche Rahmenbedingungen zu kennen – für Rechtssicherheit sowohl bei Fachkräften als auch Patientinnen und Patienten.
„Der Austausch verschiedener Therapieansätze ist nicht nur hilfreich, sondern fundamental für erfolgreiche Trauma-Arbeit", fasste Magdalena Pramstaller, die Moderatorin, zusammen. Die Vielfalt der Methoden ermögliche es Fachkräften, individueller und bedürfnisorientierter zu arbeiten.
„Was diese Tagung so wertvoll macht, ist nicht nur der Wissenszuwachs, sondern vor allem die Vernetzung über die Grenzen der eigenen Disziplin hinaus", betonte Pramstaller abschließend. „Trauma spricht viele Sprachen – und wir als Fachleute müssen lernen, diese verschiedenen Sprachen zu verstehen und zu übersetzen." Das gegenseitige Lernen voneinander sei wesentlich für die Weiterentwicklung der Trauma-Arbeit. „Wenn wir heute etwas mitnehmen, dann die Erkenntnis, dass wir gemeinsam mehr bewirken können als jeder für sich allein."
Der Direktor des Therapiezentrums Bad Bachgart im Südtiroler Sanitätsbetrieb, Martin Fronthaler, zog eine positive Bilanz: „Besonders wichtig erscheint mir, dass wir uns kreativ auf die Sprache traumatisierter Menschen einlassen und nicht an ihrer Sprachlosigkeit verzweifeln. In Bad Bachgart setzen wir bereits auf verschiedene Zugänge: Schreibwerkstatt, Gestaltungstherapie, Bewegungstherapie, achtsamkeitsbasierte Verfahren, tiergestützte Interventionen und Gesprächstherapie. Für die Zukunft bedeutet dies, dass wir weiter auf gemeinsame Ausbildungen, Professionalisierung und wertschätzenden Austausch setzen müssen. Die Tagung hat deutlich gemacht, dass der Austausch zwischen verschiedenen Therapieansätzen fundamental ist. Mit einem breiten Methodenspektrum können wir wirklich individuell und bedürfnisorientiert arbeiten. Dieses gegenseitige Lernen voneinander ist entscheidend, um traumatisierten Menschen gerecht zu werden."
MS/SF