„Diabetes? Alarmsignale nicht ignorieren“
Ilaria Rubbo, Endokrinologin und Fachärztin für Diabetologie im Südtiroler Sanitätsbetrieb, widmet sich der – in vielerlei Hinsicht – „stillen“ Krankheit Diabetes. In diesem Gespräch hebt sie die Besonderheiten, Gesundheitsrisiken und die Bedeutung einer rechtzeitigen Diagnose hervor.
Diabetes ist eine der verbreitetsten Krankheiten unserer Zeit. Nach allgemeiner Auffassung zählt sie zu den „Wohlstandserkrankungen“. Aber das ist nicht immer der Fall, denn es können auch erbliche genetische Faktoren die Krankheit verursachen, wie Ilaria Rubbo, seit 2016 leitende Ärztin und Spezialistin für Diabetologie, Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen im Landeskrankenhauses Bozen, erklärt.
Wie viele Arten von Diabetes gibt es?
Wir unterscheiden verschiedene Arten von Diabetes, aber die beiden am weitesten verbreiteten sind Diabetes mellitus Typ 1 und Diabetes mellitus Typ 2. Im ersten Fall handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die durch eine mangelnde Insulinproduktion gekennzeichnet ist. Bei Diabetes Typ 2, der häufigsten Form, wird das produzierte Insulin vom Körper nicht richtig genutzt.
Welches sind die Gesundheitsrisiken?
Das Risiko besteht darin, langfristige, also chronische Komplikationen zu entwickeln, wie Sehstörungen, Nierenprobleme oder häufig auch Herz-Kreislauf-Probleme. Die Folgen können Herzinfarkte, Schlaganfälle, periphere Durchblutungsstörungen mit Auswirkungen auf die Sensibilität und die Motorik sein. Das klingt beängstigend, aber durch Prävention, Vorsorgeuntersuchungen und die richtige Therapie kann das Auftreten dieser Komplikationen vermieden oder verringert werden.
Ist es richtig, dass das Erkrankungsalter in den vergangenen Jahrzehnten gesunken ist?
Bei Diabetes mellitus Typ 2 steigt die Erkrankungswahrscheinlichkeit mit zunehmendem Alter. Hier wurde bei jungen Menschen ein Anstieg oder eine relative Vorverlegung der Diagnose im Vergleich zur Vergangenheit beobachtet. Dies ist in den USA sicherlich noch deutlicher zu beobachten. Aber auch bei uns in Europa gibt es diese Tendenz, wenn auch weniger offensichtlich. Die Hauptursachen sind ein sitzender Lebensstil und eine unausgewogene Ernährung oder eine Ernährung, die reich an einfachen Zuckern und Fetten ist, was zu Übergewicht führt und das Risiko für Stoffwechselerkrankungen, insbesondere Diabetes, erhöhen kann.
Welche Maßnahmen ergreift der Südtiroler Sanitätsbetrieb zur Vorbeugung?
Seit mehreren Jahren fördert der Sanitätsbetrieb ein Diabetes-Screening der Bevölkerung. Dabei werden die Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, einen Online-Fragebogen auszufüllen, anhand dessen das Diabetes-Risiko berechnet wird. Wer ein erhöhtes Risiko aufweist, wird zu weiteren Untersuchungen eingeladen. Dies ist sicherlich ein wichtiges Mittel, um die Bevölkerung in großem Umfang zu erreichen und zu sensibilisieren.
Wie hat sich die Situation in den vergangenen Jahren entwickelt?
Im Jahr 2021 wurde von weltweit 540 Millionen Erkrankten an Diabetes gesprochen, und die Aussichten bis 2030 sind nicht rosig, da ein Anstieg von 15 bis 20 Prozent erwartet wird.
Welche typischen Symptome gibt es?
„Ständiges Durstgefühl, erhöhter Harndrang, vermehrter Appetit, Gewichtsverlust und Sehstörungen. Diese Symptome sind Alarmglocken, die Betroffene dazu bewegen sollten, sich an einen Arzt ihres Vertrauens zu wenden, um Bluttests durchführen zu lassen, die Messung des Blutzuckers und des glykierten Hämoglobins eingeschlossen.“
Glauben Sie, dass die Krankheit unterschätzt wird?
Auf jeden Fall. Ich betrachte sie als einen „stillen Killer“, weil man abgesehen von den Symptomen keine Schmerzen verspürt. Daher neigt man vielleicht dazu, den Signalen des Körpers keine Bedeutung beizumessen, und die Krankheit kann sich sogar so weit entwickeln, dass sie zu chronischen Folgen oder sogar zum Tod führt. Wenn in der Terminologie „Prä-Diabetes“ auch nicht mehr verwendet wird, vermittelt der Begriff eine gute Beschreibung für einen Patienten, der möglicherweise jahrelang minimale Veränderungen der Blutwerte aufweist und diese deshalb nicht beachtet. Diese Veränderungen können sich jedoch weiterentwickeln und zu Typ-2-Diabetes führen, von dem es sehr unwahrscheinlich ist, dass er geheilt werden kann. Wenn es jedoch gelingt, diese Vorstufe zu erkennen, gibt es mehr Möglichkeiten, den Verlauf umzukehren.
Senkt die richtige Ernährung das Risiko, an Diabetes zu erkranken?
Nicht bei Diabetes mellitus Typ 1, denn hier spielen genetische Faktoren eine Rolle, und die genaue Ursache dafür, warum der Körper die insulinproduzierenden Zellen zerstört, ist noch nicht bekannt.
Anders ist es hingegen bei Diabetes mellitus Typ 2, da er das Ergebnis einer Reihe von Ursachen ist. Die Genetik spielt eine Rolle, aber auch der Lebensstil, die Ernährung und die körperliche Aktivität.
Das bedeutet, dass die Berücksichtigung dieser Faktoren das Erkrankungsrisiko von Diabetes reduziert oder minimiert.
Welche Rolle spielen Genetik und Vererbung?
Die Genetik allein, so einflussreich sie auch sein mag, ist es bestimmt nicht. Zum einen, weil beide Elternteile zum Erbgut einer Person beitragen, zum anderen reicht die Genetik allein nicht aus, um das Auftreten der Krankheit zu bewirken.
Weitere Informationen zum Diabetes-Screening finden Sie unter www.sabes.it/diabetes.
RL/IG
